# /0 Kurzfassung

Care-Plena sind Orte der feministischen Politisierung von Freundeskreisen, Wohngemeinschaften, Familien und anderen Care-Communities – Experimentierfelder und politische Kampfplätze zugleich. Ziel ist ein kollektives Bewusstsein für die eigenen Reproduktionsverhältnisse, das emanzipatorische Handlungsfähigkeit herstellt und Ohnmachtserfahrungen in der Vereinzelung überwindet. Ein Plenum umfasst bis zu 20 Menschen mit persönlichen und/oder lokalen Überschneidungen. Mehrere Care-Plena bilden gemeinsam eine Grundlage für die Caring City "from below".

Die Krise der Reproduktion ist allumfassend: Sozialstaatsabbau, Naturalisierung und Privatisierung von Care. Fürsorge muss kollektiv gestaltbar werden – als Gegenpol zur neoliberalen Vereinzelung. Care-Plena sind ausdrücklich NICHT Ausgleich für fehlende Infrastrukturen, sondern emanzipatorische Plattformen, die neue Formen der Kollektivität schaffen sollen.

## // Ziele & Vorteile

### Transformation von Bewusstsein & gesellschaftlicher Struktur

- Care-Beziehungen politisieren und dadurch sichtbar machen, was sonst privat und unsichtbar bleibt
- Verdrängte Reproduktionsverhältnisse bewusst gestalten, patriarchale Normalität herausfordern
- Widerstand gegen Privatisierung von Grundversorgung und neoliberale Instrumentalisierung unbezahlter Care-Arbeit organisieren

### Solidarität & Kapazitätsaufbau

- Konkrete gegenseitige Unterstützungsstrukturen etablieren, materiell und immateriell
- Emanzipatorische Umverteilung von Ressourcen
- Systematische statt ad-hoc Organisation von Care-Arbeit
- Experimentierfeld für emanzipatorische Alternativen und neue Alltagspraxen (→ 4-in-1-Perspektive)

### Politische Handlungsfähigkeit & Caring Cities

- Individuelle UND kollektive emanzipatorische Handlungsfähigkeit entwickeln
- Ohnmachtserfahrungen und Vereinzelung überwinden, Alltag aneignen
- Mehrere Care-Plena als Grundlage für demokratische, basisorganisierte Care-Strukturen von unten

# /1 Strukturelle Grundlagen

## // Teilnehmende (6–20 Personen), die …

- Care gemeinsam politisieren und widerständige Caring-City-Strukturen aufbauen wollen
- idealerweise bereits (mittelbar) in Fürsorgebeziehungen zueinander stehen
- offen sind für Austausch mit anderen Care-Plena
- eigene Bedürfnisse emanzipatorisch einordnen und Ansprüche ressourcenorientiert aushandeln möchten
- die finanzielle Dimension von Care ernst nehmen
- für die Überwindung patriarchaler Vergeschlechtlichung eintreten

> **Hinweis:** Den bestehenden Verhältnissen können wir nicht in einem Sprung entkommen. Deshalb ist ein regelmäßiger separater Austausch nicht-männlicher Betroffener sowie institutionalisierte Männlichkeitskritik seitens der involvierten Cis-Männer notwendig (→ Protokoll Männlichkeit Verraten).

## // Frequenz und Zeitrahmen

- Mehrmals pro Monat / ggf. wöchentlich, je 3–4 Stunden
- Verbindliche Teilnahme ohne Zwangscharakter
- Empfohlene Rhythmisierung: 1. + 3. Treffen regulär / 2. Treffen zu Vergeschlechtlichung (FLINTA\*-Plenum + Männlichkeit Verraten, nicht parallel) / letztes Treffen im Monat als längeres Plenum zu bestimmten Themenschwerpunkten

# /2 Tagesordnungsstruktur

## // Phase 1: Check-in 1 – Bedarfsartikulation

**Zweck:** Bedarfe benennen, Leistungs(un)fähigkeit transparent machen, Bedürftigkeit normalisieren.

**Leitfragen** – reihum, knapp: Wie geht's mir gerade? Welche emanzipatorischen Kämpfe führe ich gerade – was treibt mich dabei um? Wobei brauche ich demnächst Hilfe? Wie schätze ich meine aktuelle (Dis-)Ability ein?

**Haltung:** Aktives Zuhören – keine unmittelbaren Lösungsvorschläge.

## // Phase 2: Check-in 2 – TOPs für heute sammeln

**Zweck:** Politische Dimension der Bedürftigkeiten herausarbeiten, Agenda strukturieren.

**Leitfragen** – reihum, dann kollektiv priorisieren: Welche Fragen aus Lohnarbeit, Care, Selbstentfaltung, politischer Arbeit beschäftigen mich besonders? Was will ich heute vertiefen? Welches Thema gehört in welche TOP-Kategorie?

**Methode:** Punkte sammeln – gemeinsam priorisieren – Zeit pro TOP festlegen.

## // Phase 3: TOPs – Strukturierte Problembearbeitung

**Zweck:** Tiefergehende politische Auseinandersetzung, um sich langsam aber stetig einen gemeinsamen Überblick über die relevanten Kategorien im Konkreten zu erarbeiten. Nicht alle Kategorien müssen jedes Mal dran kommen.

| Kategorie | Worum es geht |
|---|---|
| **Orga-Punkte** | Recap letztes Treffen; aktuelle Care-relevante Entwicklungen |
| **Care-Arbeit & Care-Stress, Alltag & (Dis-)Abilities** | Reflexion auf geleistete Care-Arbeit & Belastungen aus Nahbeziehungen; Erwartungen, Kapazitäten, 4-in-1-Probleme |
| **Myzel** (falls vorhanden) | Welchen Charakter hat das Myzel gerade? Wie lassen sich die Aktivitäten der einzelnen Hyphen zusammenfassend beschreiben? Welche politischen Fragen & Probleme bestehen dabei? |
| **Finanzen** | Fragen hinsichtlich finanzieller Reproduktion & Umverteilung: Subsistenzniveau sichern; Umverteilung; Miete, Essen, Schulden kollektiv angehen (→ Protokoll Finanzkollektivierung) |
| **Berufsstress & Arbeitslosigkeit** | Verhältnis Erwerbsarbeit / Erwerbslosigkeit & Care-Politik; Updates aus dem Arbeitsalltag von professionell Care-Arbeitenden; kollektive Anerkennung & Wertschätzung der Arbeitserfahrung von professionell Care-Arbeitenden (falls vorhanden) |
| **Familien & Nahbeziehungen** | Carepolitische Interventionen in bestehende & zukünftige Familien & Nahbeziehungen |
| **Nichtmenschliche Umwelt** | Extremwetter, Tiere, Pflanzen |
| **Krisenkapazitäten & Brigaden** | Vorbereitung auf Krisen; Reflexion aktiver Brigaden: Welche Strategien, welche Taktiken, welche (Miss-)Erfolge? |
| **Außenbezug** | Verhältnis zu Personen außerhalb des Plenums & zu Caring-Cities-Vernetzungen |

**Grundhaltung:** Persönliche Erfahrungen und Perspektiven werden explizit mit strukturellen und politischen Analysen verbunden; kollektives Reflektieren, Planen, Aushandeln und Entscheiden.

**Methode:** Moderierte Diskussion entlang der eingangs festgelegten Priorisierung; Ergebnisprotokoll.

## // Phase 4: Check-out – Strategische Ausrichtung

**Zweck:** Kollektive Strategie schärfen, Plenum im größeren politischen Kontext verorten.

**Leitfragen:** Worauf zielt unsere Care-Vernetzung kurz- und langfristig ab? Wie zufrieden sind wir mit der aktuellen Entwicklung? Worüber wollen wir bis zum nächsten Mal nachdenken? Wie werden wir Teil größerer Care-Strukturen?

**Besonderheit:** Explizite Zurückweisung reiner Kompensationslogiken – die gemeinsame Organisierung darf nicht auf den Ausgleich kapitalistischer Krisen beschränkt sein.

# /3 Grundkonzepte

Feministische Carepolitisierung heißt, Fragen der individuellen Bedürftigkeit und Fürsorge emanzipatorisch auszuhandeln. Dabei spielen verschiedene politische Ansätze eine zentrale Rolle:

- **Relationale Autonomie** – Autonomie nicht als Unabhängigkeit, sondern als Selbstbestimmung in Verbundenheit. Ziel ist die Transformation von Abhängigkeiten, nicht ihre illusorische Überwindung.

- **4-in-1-Perspektive (Frigga Haug)** – Gleichgewichtige Integration von vier Lebensbereichen, die der Kapitalismus trennt und ungleich bewertet: Erwerbsarbeit/finanzielle Reproduktion, Reproduktionsarbeit/Care-Arbeit, kulturelle Entwicklung/Selbstentwicklung, politisches Engagement/gesellschaftliche Teilhabe.

- **Kritik des Community-Kapitalismus (Haubner/van Dyk 2021)** – Das Plenum darf nicht zum reinen Lückenbüßer für einen abgebauten Sozialstaat werden. Die Gefahr ist nie ganz abwendbar – deshalb muss eine kämpfende, Gegner-bestimmende politische Praxis mit gesamtgesellschaftlichem Anspruch im Zentrum stehen.

- **Feministische Vergesellschaftung & antipatriarchale Selbstverteidigung** – Reproduktionsverhältnisse und Eigentumsstrukturen sichtbar und besprechbar machen – mit feministischem Lustempfinden an kollektiver Theoriearbeit, nicht als Expert\*innenwissen von oben: Wer leistet welche Care-Arbeit? Wie kann sie umverteilt werden? Neue Strukturen aufbauen und patriarchale Ansprüche gleichzeitig abwehren.

- **Xenofeminismus** – Naturalisierte Care-Arrangements bewusst irritieren; das Fremde als Quelle neuer Care-Praktiken bejahen.

# /4 Dokumentation und Weiterentwicklung

### Dokumentation je Treffen:

- Kollaboratives digitales Ergebnisprotokoll
- Erfassung von Care-Bedarfen und -Angeboten
- Dokumentation struktureller Hindernisse
- Aufbau eines gemeinsamen Vokabulars

### Evaluation (alle 3 Monate):

- Reflexion der Care-Struktur
- Überprüfung von Zugänglichkeit und Inklusivität
- Analyse der Care-Arbeitsverteilung
- Bewertung der politischen Wirksamkeit

### Weiterentwicklung:

- Laufende Anpassung des Protokolls auf Basis der gesammelten Erfahrungen & politischen Ausrichtungen
- Austausch mit anderen Care-Strukturen
- Formulierung politischer Forderungen aus gemeinsamen Erfahrungen

# /5 Umsetzung

### Vorbereitungsphase:

- Teilnehmende mit heterogenen Care-Erfahrungen identifizieren
- Grundlegende Texte gemeinsam lesen (relationale Autonomie, 4-in-1, Community-Kapitalismus, Xenofeminismus, Caring Cities)
- Raum, Zeit, Ressourcen klären
- Datensichere Kommunikationskanäle festlegen

### Erste Treffen:

- Dieses Protokoll gemeinsam einführen und diskutieren
- Struktur an konkrete Bedürfnisse anpassen
- Vertrauen langsam aufbauen
- Begriffsarbeit priorisieren – und gleichzeitig schnell konkrete Ressourcen schaffen

### Langfristige Etablierung:

- Stabile, aber flexible Teilnahmestrukturen entwickeln
- Zuständigkeiten für Protokollierung klären
- Verbindung mit anderen politischen Initiativen im Care-Bereich aufbauen
- Protokoll kontinuierlich anpassen

# /6 Kritische Reflexion

Das Plenum stellt sich regelmäßig folgende Fragen – als kollektive Selbstüberprüfung:

- **Community-Kapitalismus** – Sind wir bloßer Lückenbüßer für abgebaute Sozialleistungen?
- **Psychologisierung** – Verlieren wir die politische Dimension, indem wir in therapeutische Logiken verfallen?
- **Expert\*innenherrschaft** – Entstehen Hierarchien durch ungleich verteiltes Wissen?
- **Naturalisierung** – Reproduzieren wir die Vorstellung von Care als "natürliche" oder "weibliche" Aufgabe?
- **Kommodifizierung** – Wird Care zur Tauschware?
- **Kollektivismus als Selbstzweck** – Übergehen wir individuelle Unterschiede zugunsten einer Kollektivität um ihrer selbst willen?
- **4-in-1-Perspektive** – Können wir durch unsere Praxis die kapitalistische Trennung der vier Lebensbereiche überwinden?
- **Umverteilung** – Gelingt es, Verantwortung füreinander zu übernehmen und angehäuftes privates Vermögen sowie andere problematisch ungleich verteilte Ressourcen emanzipatorisch umzuverteilen?

# /7 Werkzeuge

- Datenschutzkonforme kollaborative Dokumente (Pseudonyme, sichere digitale Umgebungen)
- Asynchrone Kommunikationskanäle für Zwischen-Updates
- Tools zur Visualisierung von Care-Netzwerken
- Einfache Systeme zur Koordination konkreter Unterstützung
- Tabelle zur Auflistung finanzieller Kapazitäten
- Laptop / Gerät zur Dokumentation bei Treffen

# /8 Abschlussbestimmungen

Dieses Protokoll ist ein lebendes Dokument – kein Regelwerk, sondern Orientierungshilfe, die lokale Anpassungen voraussetzt. Das Care-Plenum ist ein bewusster Versuch, relationale Autonomie durch kollektive politische Praxis zu verwirklichen und neue emanzipatorische urbane Infrastrukturen aufzubauen – jenseits traditioneller Gemeinschaftsformen, marktförmiger oder staatlicher Strukturen.

Das Protokoll selbst ist eine Form der "technischen Zärtlichkeit" – rationale Strukturierung im Dienst kollektiver Handlungsfähigkeit.
