**Selbstbestimmung ist eines der höchsten Ideale unserer Zeit. Aber was bedeutet das eigentlich?**

Im Westen denken viele Menschen: Autonomie bedeutet, dass man auf sich allein gestellt ist. Wer es schafft, sich selbst zu versorgen, selbst zu entscheiden und niemanden zu brauchen – der ist frei. Wer Hilfe braucht, ist schwach.

Das Konzept der *beziehungsbezogenen Selbstbestimmung* widerspricht dieser Vorstellung. Es sagt: Echte Selbstbestimmung findet nicht außerhalb von Beziehungen statt. Sie findet in Beziehungen statt.

## // Was Selbstbestimmung wirklich braucht

Ein Kind kann nur ein selbstbestimmter Mensch werden, weil andere es versorgen. Andere tragen es. Andere lehren es. Ein*e Erwachsene*r kann nur klare Entscheidungen treffen, wenn andere zuhören. Wenn andere mitdenken. Wenn andere manchmal widersprechen. Ein alter Mensch behält seine Würde, wenn andere ihm helfen. Ohne ihn zu bevormunden.

Selbstbestimmung ist also kein Spiel, das man allein spielt. Sie ist eine Praxis. Sie gedeiht nur in tragfähigen Beziehungen.

Dahinter steckt eine wichtige Erkenntnis: **Wir sind alle voneinander abhängig.** Nicht weil etwas mit uns nicht stimmt. Sondern weil das zum Leben dazugehört.

## // Die Lüge vom unabhängigen Menschen

Warum halten sich Vorstellungen vom unabhängigen Menschen so hartnäckig?

Weil sie politisch nützlich sind. Eine Gesellschaft, die Verantwortung abschieben will, braucht die Geschichte vom selbstgemachten Menschen. "Schaff es allein. Beschwer dich nicht. Andere haben es auch geschafft." Wer scheitert, ist selbst schuld. Wer Hilfe braucht, hat sich nicht genug angestrengt.

Diese Logik macht unsichtbar, dass im Hintergrund immer jemand mitarbeitet. Meistens sind das weiblich sozialisierte Personen. Sie versorgen Kinder. Sie pflegen Eltern. Sie pflegen Beziehungen. Sie führen Haushalte. Die Vorstellung vom unabhängigen Menschen funktioniert nur, weil andere die Sorgearbeit machen.

## // Eine Stadt, die sich kümmert

Hier setzt die Idee der *Caring City* an. Das ist eine Stadt, die sich kümmert.

Sie ist ein Projekt für gesellschaftlichen Wandel. Sie lehnt zwei einseitige Ansätze ab.

Sie ist nicht kollektivistisch. Das Wohl der Gruppe soll nicht automatisch über der Selbstbestimmung der Einzelnen stehen. Und sie ist nicht individualistisch. Sie verzichtet auf das Ideal des Menschen, der ganz allein durchs Leben kommt.

Stattdessen geht sie davon aus: Selbstbestimmung und gegenseitige Abhängigkeit gehören zusammen. Eine Stadt, die das ernst nimmt, organisiert Sorgearbeit anders.

Sorgearbeit – Pflege, Betreuung, Unterstützung – soll keine Privatsache mehr sein. Heute wird sie oft unsichtbar in Familien erledigt. Oder bestimmten Gruppen aufgebürdet. Die Caring City denkt Fürsorge neu: als Recht für alle. Dieses Recht wird durch gesellschaftliche Strukturen ermöglicht. Durch öffentliche Infrastrukturen. Durch gemeinsam getragene Einrichtungen. Durch verlässliche Räume für Sorge.

*Wichtiger Text: Mackenzie & Stoljar (Hrsg.), Relational Autonomy: Feminist Essays on Autonomy, Agency and the Social Self (2000)*

# /1 Solidarität als Care-Praxis

**Solidarität ist mehr als ein gutes Gefühl.** Wer "solidarisch" sagt, meint oft etwas Verschwommenes. Ein warmes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Einen Impuls zu helfen. Vielleicht Mitleid mit Menschen in einer schwierigen Lage.

Aber Solidarität ist etwas anderes. Sie ist eine konkrete Praxis. Menschen schließen sich bewusst zusammen. Sie wollen gemeinsam etwas bewegen.

## // Was Solidarität ausmacht

Der Philosoph Andrea Sangiovanni hat gezeigt: Solidarität unterscheidet sich von ähnlichen Begriffen. Sie ist nicht Nächstenliebe. Nächstenliebe richtet sich auf einzelne Menschen. Sie ist nicht Gerechtigkeit. Gerechtigkeit fragt nach allgemeinen Regeln. Sie ist nicht Mitgefühl. Mitgefühl bleibt eine innere Haltung. Solidarität ist eine eigene Praxis. Sie wirkt besonders in unsicheren Zeiten.

Man kann zwei Formen unterscheiden. *Soziale Solidarität* beruht auf Gemeinsamkeiten. Auf geteilten Identitäten. Auf geteilten Erfahrungen. Auf geteilter Herkunft. *Politische Solidarität* entsteht durch bewusstes Engagement. Gegen Ungerechtigkeit. Gegen Unterdrückung. Gegen Verletzlichkeit. Sie braucht keine vorherige Zugehörigkeit. Sie wird im gemeinsamen Handeln hergestellt.

Unser Fokus für die sorgende Stadt liegt auf politischer Solidarität. Denn soziale Solidarität allein bleibt in der eigenen Gemeinschaft. Sie kommt nur denen zugute, die schon dazugehören. Wer emanzipatorische Ziele teilt und solidarisch für ein gutes Leben für alle kämpft, gestaltet ein besseres Miteinander. Aber eines, das nicht an Zugehörigkeit gebunden ist.

Das Entscheidende: Was die Solidarischen verbindet, ist nicht die Voraussetzung. Sondern das Ergebnis ihres Handelns. Wie Stephan Lessenich, Michael Reder und Dietmar Süß es sagen: Solidarität gibt es nur "praktisch, also im gemeinsamen Tun".

## // Zwei wichtige Seiten

Zwei Aspekte der emanzipatorisch-politischen solidarischen Praxis sind besonders wichtig.

**Solidarität entsteht aus geteilter Verletzlichkeit.** Sie ist keine abstrakte Regel. Sie wächst aus der konkreten Erfahrung: Wir alle sind verletzlich. Daraus entsteht eine Verantwortung füreinander. Solidarität entwickelt sich also in Beziehungen. Nicht im Befolgen allgemeiner Prinzipien.

**Solidarität verbindet Vernunft und Gefühl.** Sie löst den Gegensatz zwischen rationaler Politik und emotionaler Erfahrung auf. Es geht nicht nur um Wirtschaftsstrukturen und politische Mechanismen. Sondern auch darum, wie wir miteinander in Beziehung stehen. Bini Adamczak hat gezeigt: Gefühle wie Wut, Hoffnung, Wünsche und Träume sind die eigentliche Grundlage solidarischen Handelns. Aus ihnen erwächst etwas, das über das eigene Leben hinausreicht. Und das gesellschaftliche Veränderung bewirken kann.

## // Was das für die Caring City bedeutet

Care-Strukturen lassen sich nicht von oben verordnen. Sie lassen sich auch nicht rein technisch umsetzen. Zum Beispiel durch bessere Verwaltung oder mehr Personal.

Sie müssen als gelebte Solidarität verstanden werden: als ein Füreinander-Einstehen. Das braucht weder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe noch Ähnlichkeit. Solidarität entsteht dort, wo wir die geteilte Erfahrung von Verletzlichkeit und Abhängigkeit nicht verdrängen. Sondern zum Ausgangspunkt unseres gemeinsamen Handelns machen.

*Wichtige Texte: Bini Adamczak, Beziehungsweise Revolution (2017); Andrea Sangiovanni, Solidarity: Nature, Grounds, and Value (2023); Stephan Lessenich, Michael Reder & Dietmar Süß, Zwischen sozialem Zusammenhalt und politischer Praxis (2020)*

# /2 Ableismus & Kritik der Verletzlichmachung

**Behinderung ist nicht das Problem einzelner Menschen. Sie ist eine Folge davon, wie Gesellschaft gebaut ist.**

Ein Mensch im Rollstuhl ist nicht "behindert" durch seinen Körper. Sondern durch Treppen. Durch fehlende Aufzüge. Durch schmale Türen. Ein gehörloser Mensch ist nicht "behindert" durch sein Gehör. Sondern durch Informationen ohne Gebärdensprache oder Untertitel. Ein neurodivergenter Mensch ist nicht "behindert" durch seine Wahrnehmung. Sondern durch Arbeitswelten, die nur eine einzige Art von Konzentration und Kommunikation kennen.

Ein veränderndes Verständnis von Behinderung versteht sie als Verhältnis. Als Verhältnis zwischen Menschen und einer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die nur für bestimmte Körper und Fähigkeiten gemacht ist.

## // Was Ableismus bedeutet

*Ableismus* ist die Abwertung von Menschen. Von Menschen, die nicht dem Ideal des "voll funktionsfähigen" Körpers oder Geistes entsprechen. Ableismus zeigt sich auf vielen Ebenen.

In baulichen Barrieren. Treppen ohne Alternative. Bürgersteige ohne Absenkung. Öffentliche Räume ohne Sitzgelegenheiten. In Informationen, die nur in komplizierter Sprache verfügbar sind. In zwischenmenschlicher Übergriffigkeit. Zum Beispiel, wenn ungefragt geholfen wird. Oder wenn körperliche Nähe ohne Einverständnis hergestellt wird. Und in verinnerlichter Scham: dem Gefühl, sich für die eigenen Bedürfnisse entschuldigen zu müssen. Für die eigenen Grenzen. Für die eigene Andersheit.

Das Problem liegt nicht in der Behinderung selbst. Sondern in einer Welt, die wenig Platz für unterschiedliche Körper und Fähigkeiten lässt.

## // Die Logik der Leistung

In unserer Gesellschaft gilt oft eine einfache Gleichung: Wer viel leistet, ist viel wert.

Diese Logik durchdringt nicht nur Wirtschaft und Schule. Sie steckt auch in politischen Bewegungen. Oft unbewusst. Wer engagiert sein will, soll "immer 120 % geben". Wer weniger schafft, gilt als weniger zuverlässig. Weniger ernsthaft. Weniger politisch.

Wir halten das nicht für emanzipatorisch. Es dient nicht einem guten Leben für alle. Im Gegenteil. Was zählen sollte, ist nicht die Leistungsfähigkeit Einzelner. Sondern die Leistungsfähigkeit eines Kollektivs.

Dass Menschen unterschiedlich viel leisten können, ist normal. Es darf niemandem zum Vorwurf gemacht werden. Unser Grundsatz lautet: "Jede*r nach ihren Fähigkeiten, jede*r nach ihren Bedürfnissen."

## // Was das konkret bedeutet

Daraus ergeben sich einige praktische Konsequenzen: Menschen haben unterschiedlich viel Energie. Sie beteiligen sich auf verschiedene Weise. Das ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Niemand muss eine ärztliche Diagnose vorweisen, um Unterstützung zu bekommen. Es reicht, wenn Menschen selbst beschreiben, was sie brauchen. Der Diagnose-Zwang gibt die Macht der Definition an eine medizinische Instanz. Statt sie bei den Betroffenen selbst zu lassen.

Auch die Fragestellung muss sich ändern. Nicht: "Warum kannst du das nicht?" Sondern: "Was brauchst du, damit es geht?"

Politisches Engagement ist kein Wettkampf. Niemand muss sich beweisen. Niemand muss mit anderen konkurrieren.

Und: Eine Gruppe wird nicht *trotz* ihrer Unterschiede stark. Sondern *wegen* ihrer Unterschiede. Vorausgesetzt, sie nimmt diese Unterschiede ernst. Und tut sie nicht als "Persönliches" oder "Krankheit" ab.

## // Was das für die Caring City bedeutet

Echte Selbstbestimmung gibt es nur, wenn alle dabei sein können. Unabhängig von körperlichen oder geistigen Unterschieden. Niemand darf ausgeschlossen werden.

Die Caring City muss von Anfang an so gedacht werden: Verletzlichkeit gehört dazu. Sie ist kein Grund für Ausschluss. Sondern etwas, das uns alle verbindet.
