## // Was ist Community-Kapitalismus?

Wenn der Staat sich aus sozialen Aufgaben zurückzieht und stattdessen an "die Community" appelliert, klingt das nach Solidarität – ist aber oft das Gegenteil. Die Soziologinnen Silke van Dyk und Tine Haubner nennen diese Strategie *Community-Kapitalismus*: gesellschaftliche Probleme werden privatisiert, indem sie zu Angelegenheiten freiwilliger Gemeinschaften erklärt werden.

## // Wie der Mechanismus funktioniert

Drei Bewegungen greifen ineinander.

**Verantwortung wird privatisiert.** Soziale Probleme erscheinen als Probleme "der Community", nicht als Fragen, die alle angehen.

**Ausbeutung wird verschleiert.** Unbezahlte Sorgearbeit wird zum "Gemeinschaftsengagement" verklärt. Was Arbeit ist, sieht plötzlich aus wie ein Hobby.

**Sozialstaatsabbau wirkt plausibel.** Denn: Wozu noch staatliche Strukturen, wenn "die Community" sich doch kümmert?

Konkret zeigt sich das in vielen Bereichen, die auf den ersten Blick gut wirken: Nachbarschaftshilfen, Tafeln, Pflegepatenschaften, ehrenamtliche Geflüchtetenhilfe. Strukturell aber bedeutet das: Professionelle Aufgaben wandern an Laien. Arbeitslosigkeit wird zu "sozialem Engagement" umgedeutet. Strukturelle Probleme werden zu Sachen der Moral – jede\*r soll bei sich anfangen, statt das System zu ändern.

Die Folgen sind weitreichend: Soziale Sicherung wird prekär. Demokratische Aushandlung verschwindet. Und unbezahlte Sorgearbeit bleibt meist "Frauensache".

Die Kernthese von van Dyk und Haubner lautet: Community-Kapitalismus beruht auf einer **doppelten Ausbeutung – von Vulnerabilität und Verbundenheit**. Vulnerabilität wird zur Ressource, soziale Bindungen werden ökonomisch instrumentalisiert.

## // Die doppelte Enteignung von Care

Wer in kapitalistischen Gesellschaften über Care nachdenkt, stößt auf ein grundlegendes Problem: Über die Ressourcen, die wir für Fürsorge brauchen, können wir kaum selbst verfügen. Sie sind auf zwei Institutionen konzentriert: die **Familie** im Privaten und den **Staat** mit seinen Infrastrukturen.

Beide sind nicht nur Orte abgewerteter Care-Arbeit, sondern zugleich Herrschaftsverhältnisse – ein Punkt, der in feministischen Debatten manchmal übersehen wird.

Die **Familie** verteilt Ressourcen ungleich. Wer aus seiner Familie verstoßen wird, weil mensch queer oder trans ist, hat keinen Zugang. Wer aufgrund repressiver Migrationsgesetze nicht mit seinen Angehörigen zusammenleben darf, auch nicht. Familie ist nicht für alle ein Schutzraum.

Der **Staat** entscheidet ebenfalls, wer was bekommt. Wer Pflegegeld erhält, wer eine Aufenthaltserlaubnis bekommt, wer als Familie zählt – all das ist durchzogen von rassistischen, klassistischen und heteronormativen Ausschlüssen.

Die Frage lautet also nicht: "Mehr Familie oder mehr Staat?" Sondern: Wie können wir uns Räume erkämpfen, in denen wir anders, selbstbestimmter und solidarischer füreinander sorgen?

## // Aber ist "Community" nicht trotzdem etwas Gutes?

An dieser Stelle stutzen viele zu Recht: Gibt es nicht auch *Caring Communities* – also Gemeinschaften, die sich bewusst um Sorge organisieren? Und sind die nicht genau das, was wir brauchen?

Doch. Aber es gibt eine wichtige Unterscheidung:

**Community-Kapitalismus** beruft sich auf "Gemeinschaft", um staatliche Verantwortung loszuwerden. Er setzt voraus, dass Menschen einander schon irgendwie zugehörig sind – und macht daraus eine stille Pflicht zur unbezahlten Sorgearbeit.

**Caring Communities** im emanzipatorischen Sinn sind das Gegenteil: praktische Solidarität ohne Zugehörigkeitszwang. Hier wird Sorge bewusst organisiert – ohne dass die Beteiligten sich ähnlich, vertraut oder verwandt sein müssen.

Die Frage ist also nicht *ob* Gemeinschaft, sondern *welche*: eine, die Solidarität voraussetzt – oder eine, die sie aktiv herstellt.

## // Caring Communities in Bewegung

Vor diesem Hintergrund müssen wir an der Idee von Caring Communities festhalten – aber als Teil einer emanzipatorischen Bewegung, nicht als Selbstzweck. Die Geschichte sozialer Bewegungen – von der feministischen Bewegung über LGBT-Kontexte und Aids-Aktivismus bis zu abolitionistischen Kämpfen – zeigt, dass Räume solidarischer Selbstorganisation erkämpft werden können. Dafür braucht es gleichzeitiges Handeln auf vielen Ebenen: alltägliche Sorgepraxen, kulturelle Interventionen, direkte Aktionen und sozialpolitische Forderungen.

Zentral ist dabei eine Frage, die in der Care-Debatte oft fehlt: **Wem gehört eigentlich was?** Solange Wohnungen, Pflegeeinrichtungen, Energie- und Lebensmittelversorgung in privater Hand bleiben, sind wir "erpressbar". Erst wenn diese Bereiche kollektiv und demokratisch verwaltet werden, entsteht echter Spielraum für solidarisches Leben. Es geht um ein rebellisches Engagement, das seine eigenen Grenzen reflektiert – und das nach und nach institutionelle Formen findet und feste Strukturen aufbaut, ohne seine transformative Kraft zu verlieren.

*Zentrale Referenzen: Silke van Dyk & Tine Haubner, Community-Kapitalismus (2021); Mike Laufenberg, Sarah Schilliger & Tine Haubner, Podiumsdiskussion "Sorgearbeit zwischen Community-Kapitalismus und Caring-Communities", Bremen 2023*

# /1 Klassismus & finanzielle Umverteilung

Über Geld redet man nicht – und genau das ist das Problem. Mit unseren Finanzen sind die meisten von uns allein und überfordert. Die einen kommen kaum über die Runden und müssen viel arbeiten, um wenigstens das Nötigste zu haben. Die anderen wissen mit Boni oder einem Erbe nicht recht umzugehen und schämen sich dafür. Gesprochen wird über all das meist nur in Liebesbeziehungen oder Familien – also genau in den Konstellationen, die selbst voller ungleicher Abhängigkeiten stecken.

## // Warum Geld zur Care-Frage gehört

Wer ernsthaft solidarisch füreinander sorgen will, kann das Thema Geld nicht aussparen. Wer kein finanzielles Polster hat, kann sich politisches Engagement nicht leisten. Wer immer arbeiten muss, hat keine Zeit für Sorgearbeit – weder für sich noch für andere.

Deshalb gehört zu einer emanzipatorischen Care-Praxis auch eine gemeinsame Finanzpraxis: Menschen verteilen Mittel um und gehen finanzielle Ungleichheiten untereinander an, um Spielraum zu schaffen – für politische Arbeit, für Fürsorge, für ein gutes Leben miteinander. Das ist keine romantische Geste, sondern eine handfeste Voraussetzung. Sie hilft heute – damit politisches Engagement überhaupt möglich wird. Und sie weist über das Heute hinaus: auf eine Welt, in der die Wirtschaft demokratisch organisiert ist und Geld nicht mehr die Rolle spielt, die es heute hat.

## // Aber: Wohltätigkeit ist nicht die Lösung

Wenn finanzielle Unterstützung nur von der Großzügigkeit einzelner Menschen abhängt, landen die finanziell Schwächeren dauerhaft in der Rolle der Bittstellenden. Das soll vermieden werden.

Eine gerechte Praxis fängt deshalb bei drei Fragen an:

- Wer braucht was, um abgesichert zu sein?

- Welche Ängste und Unsicherheiten – auch über Geld – gibt es in der Gruppe? Und welche strukturellen Bedingungen (Job, Klasse, Vermögen) prägen das?

- Wie verbinden wir die Antworten mit dem, was wir politisch erreichen wollen?

Diese Aushandlung ist nicht angenehm, aber notwendig.

## // Die Verbindung zu Community-Kapitalismus

Solange Geldsorgen Privatsache bleiben, frisst sich die Logik des Marktes auch in emanzipatorische Zusammenhänge hinein: Wer mehr hat, hat mehr Einfluss; wer weniger hat, fühlt sich dauernd in der Schuld.

Privates Geld umzuverteilen löst das strukturelle Problem nicht – Reichtum und Armut entstehen weiter, solange Wohnen, Lebensmittel, Gesundheit, Pflege, Mobilität und Energie der Profitlogik unterliegen. Aber es ist ein erster Schritt: Es bricht die Vereinzelung auf und schafft konkrete Erfahrungen damit, dass es auch anders geht.

## // Klasse lässt sich nicht von Rassismus trennen

Wer in Deutschland arm ist, ist überdurchschnittlich oft eine Person mit Migrationsgeschichte. Wer reich erbt, ist überdurchschnittlich oft weiß – auch darauf muss die Umverteilungspraxis mit carepolitischem Anspruch ausgerichtet sein.
