## // Wenn das Problem zum persönlichen Problem geworden ist

Manche Probleme spüren wir so unmittelbar, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, sie könnten gesellschaftlich sein.

Du kommst abends erschöpft nach Hause. Du räumst noch die Küche auf. Bringst die Kinder ins Bett. Schaffst gerade noch eine Folge irgendwas. Schläfst ein. Am nächsten Morgen geht es weiter. Und irgendwann fragst du dich: Warum bin ich eigentlich immer so müde? Warum kriege ich mein Leben nicht in den Griff?

Es fühlt sich an wie dein persönliches Versagen. Andere kriegen es ja auch hin. Du musst dich nur besser organisieren. Mehr Disziplin haben. Effizienter sein.

Aber genau das ist die Falle. Strukturelle Probleme werden als individuelle wahrgenommen. Und damit unsichtbar gemacht.

#### Eine alte feministische Erkenntnis

Als Frauen* sich in den 1970ern zum *Consciousness Raising* trafen, erkannten sie: "Das bin nicht ich, das ist das Patriarchat." Das war keine therapeutische Selbsthilfegruppe. Sondern eine erkenntnistheoretische Revolution. Die Erkenntnis veränderte die Realität sofort. Weil sie die falsche Individualisierung durchbrach.

#### Warum es heute schwerer ist

Das Kapital hat aus dieser Geschichte gelernt. Wenn Menschen sich Zeit nehmen, miteinander zu sprechen, kann gefährliches Bewusstsein entstehen. Deshalb wird Zeit knapp gehalten.

Früher gab es Gewerkschaftsabende. Arbeiter*innen saßen zusammen und lasen politische Literatur. Heute haben wir Smartphones. Sie binden uns rund um die Uhr in die Logik des Marktes ein. Selbst dort, wo wir uns entspannen wollen – auf Social Media – arbeiten wir unbezahlt mit. Wir produzieren Aufmerksamkeit. Daten. Werbeflächen.

Die Erschöpfung ist also keine zufällige Nebenwirkung. Sie ist ein systemischer Effekt. Das Kapital nistet sich nicht nur in unserer Arbeit ein. Sondern auch in unseren Beziehungen. Unserer Freizeit. Unseren Köpfen.

#### Care-Plena als Keimzellen

Genau hier setzt der Aufbau von Caring Cities an. *Care-Plena* sind regelmäßige Treffen. In ihnen wird Sorgearbeit gemeinsam besprochen und organisiert. Sie sind kleine Versammlungen. Aber sie haben das Potenzial, ein anderes Bewusstsein hervorzubringen.

Menschen kommen zusammen. Nicht weil sie sich besonders nahestehen. Oder weil sie eine romantische Gemeinschaft suchen. Sondern weil sie praktisch füreinander einstehen wollen. Ohne dass jemand dazugehören oder dazupassen muss.

Und sie verhandeln konkrete Fragen: Wer kümmert sich wann um wen? Wie verteilen wir die anstehende Arbeit? Wie schaffen wir Zeit – nicht nur füreinander, sondern auch für politisches Denken? Genau diese Fragen sind der Anfang von etwas Größerem.

*Wichtiger Text: Mark Fisher, "Postcapitalist Desire – Lecture Three" (in Bezug auf Nancy Hartsock)*

## // Befreite Gesellschaft ausgehend von Care denken: Welche Frage stellen wir eigentlich?

Wenn wir uns eine befreite Gesellschaft vorstellen, fangen wir meist mit der falschen Frage an.

Wie soll die Wirtschaft organisiert sein? Welche politischen Maßnahmen brauchen wir? Wie verteilen erwachsene, arbeitsfähige Menschen die Produktion? Das alles sind wichtige Fragen. Aber sie übersehen etwas Grundlegendes.

Den größten Teil unseres Lebens sind wir nicht autonom. Als Babys können wir uns nicht selbst versorgen. Als Kinder lernen wir gerade erst, was Welt überhaupt ist. Als alte Menschen werden wir wieder auf Hilfe angewiesen. Dazwischen gibt es Krankheit, Erschöpfung, Krisen, Trauer. Phasen, in denen wir andere brauchen.

Tatsächlich verbringen die meisten Menschen einen großen Teil ihres Lebens damit, Fürsorge zu brauchen oder Fürsorge zu leisten. Oft beides gleichzeitig.

Wer eine befreite Gesellschaft also vom Bild des autonomen Arbeiters her denkt. Und nicht von dem Menschen, der gerade ein schreiendes Baby trägt. Der schreibt patriarchale Muster fort. Nur unter neuem Namen.

#### Die andere Frage

Die emanzipatorische Frage muss lauten: **Wie wollen wir füreinander sorgen?**

Diese Frage lässt sich nicht auf später vertagen. Nach dem Motto: "Das regelt sich von selbst, wenn wir erst die wirtschaftlichen Verhältnisse geändert haben." Genau dieser Reflex ist Teil des Problems. Care wird wieder zur Nebensache erklärt.

Stattdessen geht es darum, heute schon damit anzufangen. Die Isolation der Kleinfamilie aufzubrechen. Stadtteilzentren statt vereinzelter Wohnungen. Gemeinsame Waschküchen, in denen sich Menschen begegnen. Orte, an denen Kinder nicht nur von ihren erschöpften Eltern betreut werden. Sondern in größeren, verlässlichen Zusammenhängen aufwachsen können.

#### Radikale Zärtlichkeit

Es gibt einen Begriff, der dabei hilfreich ist: *radikale Zärtlichkeit*. Gemeint ist ein vorsichtiger, liebevoller Umgang miteinander. Im Bewusstsein, dass wir keine selbstverständlichen Ansprüche aneinander haben.

Das ist keine Romantisierung von Sorge. Im Gegenteil: Es ist eine bewusste, fast politische Praxis. Sie ist nötig, weil wir aus Verhältnissen kommen. Verhältnissen, in denen Intimität oft Besitz bedeutet. Und Fürsorge schnell zur Kontrolle wird. "Ich kümmere mich um dich – also gehörst du mir." Oder: "Ich habe so viel für dich getan – also schuldest du mir etwas."

Radikale Zärtlichkeit will diese Logik durchbrechen. Sie muss universell werden. Nicht nur für die, die wir lieben oder die uns ähnlich sind. Sondern auch für die, die als "nutzlos" gelten. Für die Fremden. Für die, die nicht "dankbar" sind. Oder sich nicht "pflegeleicht" verhalten.

*Wichtige Texte: Heide Lutosch, Şeyda Kurt, Veronica Gago*

## // Dirty Care & Selbstverteidigung: Wer darf sich eigentlich wehren?

Auf dem Papier hat jeder Mensch das Recht, sich zu verteidigen. In der Wirklichkeit ist das anders. Die Gesellschaft ist geteilt. In Menschen, deren Gewalt als legitim gilt. Und solche, deren Verteidigungsversuche als Bedrohung wahrgenommen werden.

Ein Polizist, der seine Waffe zieht, verteidigt die Ordnung. Eine Schwarze Frau, die einen Angreifer abwehrt, wird leicht zur "aggressiven Schwarzen Frau". Und schnell selbst zur Beschuldigten. Ein Mann, der nachts allein durch die Stadt geht, hat in der Regel keine Angst. Eine Frau* schon. Wer trans ist. Wer migrantisch gelesen wird. Wer arm ist. Für all diese Menschen gilt: Die Gefahr ist nicht nur die Gewalt, die ihnen droht. Sondern auch die Folgen, falls sie sich wehren.

Die Philosophin Elsa Dorlin spricht von einer *Ökonomie der Gewalt*. Einer ungleichen Verteilung des Rechts auf Selbstverteidigung. Diese Ungleichheit schreibt sich nicht nur in Gesetze ein. Sondern auch in Körper. In die Anspannung. In die Wachsamkeit. In die unbewusst eingelernte Vorsicht.

#### Wie Menschen wehrlos gemacht werden

Marginalisierte Menschen werden auf eine besondere Weise wehrlos gehalten. Es ist nicht, dass ihnen Waffen weggenommen würden. Es ist subtiler. Und perfider. Je mehr sie sich wehren, desto eher gelten sie als "aggressiv". "Bedrohlich". "Außer Kontrolle". Ihr Widerstand wird gegen sie verwendet. Damit entsteht eine Falle. Wer sich nicht wehrt, wird Opfer. Wer sich wehrt, wird verdächtigt.

So produziert die Gesellschaft systematisch unbewaffnete Körper. Menschen, die buchstäblich nicht das Recht haben, sich zu verteidigen. Ohne dafür bestraft zu werden.

#### Was "Dirty Care" bedeutet

Aus dieser Lage entsteht eine besondere Form von Arbeit. Für sie hat Dorlin den Begriff *Dirty Care* geprägt. Gemeint ist eine zermürbende emotionale und gedankliche Arbeit. Marginalisierte Menschen leisten sie *müssen*, um zu überleben.

Dazu gehört eine ständige Wachsamkeit. Was hat der Vorgesetzte gerade wirklich gemeint? Wie reagiere ich, ohne dass es eskaliert? Wie gehe ich heute Abend nach Hause? Wann lächle ich, wann besser nicht?

Marginalisierte Menschen werden so zu Expert*innen für die Psychologie ihrer Unterdrücker*innen. Nicht aus Interesse. Sondern aus Notwendigkeit. Sie kennen die Mechanismen, die ihnen schaden. Oft besser als die, die diese Mechanismen ausüben. Diese Expertise ist anstrengend. Sie kostet Energie, die anderswo fehlt.

#### Der Ausweg

Die Lösung liegt nicht darin, dass einzelne sich besser anpassen. Oder besser durchsetzen. Sondern in kollektiver Selbstorganisierung. In dem Aufbau gemeinsamer Strukturen. Strukturen, die Schutz und Selbstverteidigung möglich machen.

Solange Menschen sich allein wehren müssen, bleiben sie wehrlos. Sobald sie sich zusammenschließen – in Gruppen, in Netzwerken, in solidarischen Strukturen – verschieben sich die Verhältnisse. Erst die Möglichkeit gemeinsamer Verteidigung macht *Dirty Care* überflüssig. Denn dann muss niemand mehr allein die psychologische Arbeit der Schadensvermeidung leisten.

*Wichtiger Text: Elsa Dorlin, Selbstverteidigung: Eine Philosophie der Gewalt (2020)*
