**Wie verbringen wir unsere Zeit? Und wer entscheidet darüber?**

Wenn wir uns einen typischen Tag anschauen, fällt schnell auf: Erwerbsarbeit nimmt den größten Teil ein. Sie gilt oft als das "eigentliche Leben". Was daneben noch passiert – sich um andere kümmern, Bildung, politisches Engagement, Zeit für sich selbst – muss in die Lücken passen.

Die Soziologin Frigga Haug hat ein einfaches Modell dagegen vorgeschlagen: Unsere Zeit sollte sich gleichmäßig auf vier Bereiche verteilen.

## // Vier Stunden, vier Bereiche

Die Idee: Jeder Mensch verbringt pro Tag etwa vier Stunden mit jedem dieser vier Bereiche.

**Erwerbsarbeit.** Bezahlte Arbeit, die den eigenen Lebensunterhalt sichert.

**Sorgearbeit.** Sich um andere kümmern und um sich selbst. Kinderbetreuung. Pflege. Hausarbeit. Alles, was das tägliche Leben möglich macht.

**Gemeinschaftsarbeit.** Politisches Engagement. Solidarisches Handeln. Mitwirkung an gesellschaftlichen Belangen.

**Persönliche Entwicklung.** Bildung. Kultur. Muße. Alles, was Menschen für sich selbst tun, um zu wachsen.

## // Die heutige Schieflage

In der Realität sieht die Aufteilung anders aus. Und sie ist alles andere als gerecht. Erwerbsarbeit dominiert. Bei vielen Menschen frisst sie acht, neun, zehn Stunden täglich. Plus Wegezeiten. Plus geistige Anwesenheit nach Feierabend.

Sorgearbeit wird kaum gesehen. Sie passiert "nebenbei". Oft unbezahlt. Oft unsichtbar. Und sie wird ungleich verteilt: Auch heute leisten Frauen* einen deutlich größeren Anteil als Männer.

Für Bildung, Kultur und politisches Engagement bleibt kaum Zeit. Wer abends erschöpft auf dem Sofa landet, hat selten Energie für Volkshochschule. Oder für eine Demonstration. Oder für ehrenamtliche Arbeit.

Diese Aufteilung ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis eines Wirtschaftssystems. Dieses System macht Erwerbsarbeit zur Lebensmitte. Und alles andere wird an den Rand gedrängt.

## // Was die 4-in-1-Perspektive vorschlägt

Das Modell ist mehr als ein neuer Stundenplan. Es ist ein anderes Verständnis davon, was ein gutes Leben überhaupt ausmacht.

Niemand soll mehr von der Erwerbsarbeit aufgerieben werden. Sorgearbeit soll keine Privatsache mehr sein. Sie soll eine kollektiv getragene Aufgabe sein. Bildung und politisches Engagement sollen nicht das sein, was übrig bleibt. Sondern ein selbstverständlicher Teil des Lebens.

Damit verbunden ist eine Aufhebung der geschlechtlichen Arbeitsteilung. Wenn alle vier Bereiche zu jedem Leben gehören, kann Sorgearbeit nicht mehr stillschweigend an Frauen* delegiert werden.

*Wichtiger Text: Frigga Haug, Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke*

# /1 Hyphen & Care-Myzel

**Unter der Erde ist mehr los, als wir denken.**

In Wäldern bilden Pilze riesige Netzwerke aus feinen Fäden. Diese Fäden heißen *Hyphen*. Das Geflecht, das sie zusammen bilden, heißt *Myzel*. Manche dieser Geflechte sind kilometerweit ausgedehnt. Und Tausende Jahre alt.

Was diese Pilznetzwerke tun, klingt wie Science-Fiction: Sie verbinden Bäume miteinander. Oft sogar Bäume unterschiedlicher Arten. Sie transportieren Nährstoffe von einem Baum zum anderen. Wenn ein Baum krank ist, bekommt er manchmal Unterstützung von gesunden Nachbarn. Durch das Myzel.

## // Was Pilze uns zeigen

Drei Eigenschaften machen diese Netzwerke bemerkenswert.

Sie sind **dezentral**. Es gibt keine zentrale Steuerung. Keinen Chef. Keine Hierarchie. Trotzdem funktioniert das Ganze.

Sie sind **widerstandsfähig**. Wenn eine Verbindung kaputtgeht, fangen andere Hyphen das auf. Es gibt nicht den einen kritischen Punkt, an dem alles zusammenbricht.

Sie sind **anpassungsfähig**. Das Myzel verändert sich ständig. Es knüpft neue Verbindungen. Es lässt alte sterben. Es reagiert auf veränderte Bedingungen.

Die Autorin Luise Meier hat in ihrem Buch *Hyphen* vorgeschlagen, dieses Bild für die Organisation von Sorgearbeit zu nutzen.

## // Eine Care-Struktur nach dem Vorbild des Myzels

Wie ist Fürsorge heute organisiert? Sie hängt an wenigen Stellen: an der Familie. An der romantischen Zweierbeziehung. An geschlossenen Gemeinschaften. Wer aus diesen Strukturen herausfällt – durch Krankheit, durch Trennung, durch Streit, durch Bruch mit der Familie – steht oft allein da.

Das Myzel-Modell schlägt etwas anderes vor: ein Netzwerk, in dem jede Person zwei andere unterstützt. Und selbst von zwei anderen Unterstützung bekommt. Aber: Nicht von denselben Personen. Wer dich versorgt, ist nicht der Mensch, den du selbst versorgst.

Diese bewusste Asymmetrie hat zwei Vorteile:

Sie durchbricht die Logik des Tauschs – "Ich gebe dir etwas, also schuldest du mir etwas". Niemand kann mehr aufrechnen, weil die Beziehungen sich nicht spiegeln.

Und sie verhindert, dass Sorgearbeit – wie heute oft – an einer einzelnen Person hängenbleibt. Meistens an Frauen*.

## // Verbindung zur 4-in-1-Perspektive

Eine gerechte Aufteilung der Zeit auf die vier Bereiche – Erwerb, Sorge, Gemeinschaft, persönliche Entwicklung – schafft keine einzelne Person allein. Dafür braucht es tragfähige Netzwerke. Netzwerke, die Sorgearbeit gemeinsam organisieren und stabil halten.

Wie Pilzgeflechte verschiedene Bäume und Ökosysteme verbinden, könnten myzelförmige Care-Netzwerke verschiedene Stadtteile verbinden. Verschiedene soziale Milieus. Verschiedene Lebensformen. Stadt wird so zu einem lebendigen Geflecht. Einem Geflecht aus nicht-symmetrischen Fürsorgebeziehungen. Widerstandsfähig. Anpassungsfähig. Offen für stetige Veränderung.

*Wichtiger Text: Luise Meier, Hyphen, Matthes & Seitz (2024)*
