## // Care-Streik & Kritik der sexuellen Differenz: Was passiert, wenn die Sorge aufhört

Kapitalismus und patriarchale Geschlechterordnung haben eine gemeinsame Erzählung. Beide tun so, als gäbe es Menschen, die ganz aus sich selbst heraus erfolgreich, stark und unabhängig sind. Und beide verschleiern systematisch, wovon diese Menschen in Wirklichkeit leben.

Stell dir einen typischen "Self-Made-Man" vor. Den Unternehmer, der von seinem Aufstieg erzählt. Den Politiker, der seine Karriere allein seiner Disziplin verdankt. Die Erzählung lautet: "Ich habe das alles geschafft. Ohne Hilfe. Aus eigener Kraft."

Was diese Erzählung ausblendet, lässt sich auf zwei Ebenen beschreiben.

**Auf der materiellen Ebene** ist da jemand, der seine Hemden gewaschen hat, für ihn gekocht hat. Jemand, der seine Kinder zur Kita gebracht hat, falls er welche hat. Jemand, der die Wohnung geputzt hat. All das muss passiert sein – aber es taucht in seiner Geschichte nicht auf.

**Auf der symbolischen Ebene** wird etwas Grundlegendes verdrängt: dass auch dieser Mann ein verletzliches Wesen ist, das andere braucht. Krank wird. Müde wird. Trost sucht. Liebe sucht. Die Geschichte des autonomen Subjekts setzt voraus, dass diese Bedürftigkeit unsichtbar bleibt.

#### Das Weibliche als "verworfener Grund"

In dieser Ordnung kommt dem Weiblichen eine besondere Rolle zu. Frauen\* sorgen für das Funktionieren der scheinbar autonomen Männlichkeit – aber ihre Arbeit gilt nicht als wertschöpfend. Sie ist da, aber sie zählt nicht.

Die Philosophin Tove Soiland nennt das den *verworfenen Grund*: Das Weibliche ist die Basis, auf der das männliche Subjekt steht – und gleichzeitig das, was es von sich abstößt, um sich überhaupt als unabhängig erleben zu können.

Die ökonomische Entwertung der Sorgearbeit und die symbolische Abwertung des Weiblichen sind also nicht zwei verschiedene Probleme. Sie sind zwei Seiten derselben Medaille.

#### Was der Care-Streik leistet

Genau hier setzt die Idee des *Care-Streiks* an. Wenn diejenigen, die täglich sorgen, ihre Arbeit niederlegen – wenn die Krankenhäuser leerstehen, die Kitas geschlossen bleiben, die Hausarbeit nicht erledigt wird –, dann werden zwei Dinge auf einen Schlag sichtbar.

Erstens: Die scheinbar autonomen Institutionen funktionieren nicht ohne die unsichtbare Arbeit dahinter. Die Wirtschaft, der Staat, die ganze Gesellschaft sind angewiesen auf die Pflege, das Kochen, das Tragen, das Trösten, das Putzen, das Zuhören.

Zweitens: Auch wir selbst – wir alle – sind bedürftige Wesen. Niemand schafft es ohne andere. Die Vorstellung, autonom zu sein, ist eine Fiktion, die nur funktioniert, solange jemand anderes die Arbeit leistet.

Was daraus folgt, ist eine doppelte Forderung. Erstens braucht es die gemeinsame Verfügung über die Mittel, die Sorge ermöglichen – über Pflegeeinrichtungen, Kinderbetreuung, Wohnraum, Zeit. Zweitens braucht es eine neue gesellschaftliche Erzählung. Eine, in der Verletzlichkeit nicht versteckt werden muss. Eine, in der Bedürftigkeit zur Stärke gehört – nicht zu ihrem Gegenteil.

*Zentrale Referenz: Silvia Federici & Tove Soiland zur systematischen Verunsichtbarung und Sexuierung von Care*

## // Aufschreiben, was sonst niemand sieht

Care-Arbeit bleibt oft unsichtbar, weil sie als selbstverständlich gilt – als "natürliche" Fürsorge, die keine echte Arbeit sein soll. Dieser Unsichtbarkeit lässt sich etwas entgegensetzen: das gemeinsame Festhalten dessen, was passiert.

#### Was Care-Protokolle sind

Care-Protokolle sind Dokumente, die festhalten, wie Sorgearbeit in einer Gruppe organisiert wird. Das kann auf verschiedene Weise geschehen.

Manche Protokolle sind beschreibend: Wer macht was, wann, wie oft? Andere sind anleitend, fast wie eine "How-To"-Liste: So wird das Abendessen geplant, so läuft die Nachtschicht bei einem kranken Kind, so wird in unserer WG entschieden, wer einkauft.

Das mag bürokratisch klingen. Aber genau das ist der Punkt: Was sonst stillschweigend als "Liebesdienst" oder "natürliche Aufgabe" geschieht, wird auf einmal sichtbar als das, was es ist – Arbeit, die geplant, verteilt und gerecht organisiert werden kann.

#### Warum Verschriftlichung hilft

Wenn eine Gruppe gemeinsam entscheidet, wer was übernimmt – und wie mit Unstimmigkeiten oder Konflikten umgegangen wird – entstehen komplexe Aushandlungen. Klare Strukturen helfen, diese Aushandlungen überhaupt führbar zu machen.

Wo vorher Schweigen war, Tabus oder die Erwartung, dass "das doch eh die Frauen\* machen", entsteht ein Raum, in dem über Care gesprochen werden kann. Wo Erwartungen ausgesprochen werden, statt vorausgesetzt zu werden. Wo Konflikte einen Ort bekommen, statt sich in Erschöpfung und Frustration anzusammeln.

#### Vergleichbarkeit über die eigene Gruppe hinaus

Schriftliche Protokolle haben noch einen weiteren Vorteil. Wenn mehrere Caring Communities sich ähnlichen Fragen widmen – und auf vergleichbare Weise dokumentieren, wie sie damit umgehen –, können die Erfahrungen verschiedener Gruppen miteinander in den Austausch treten.

So wird sichtbar, was anderswo schon ausprobiert wurde. Was funktioniert hat und was nicht. Wie andere mit Konflikten umgegangen sind, die in der eigenen Gruppe gerade auftauchen.

Aus den Protokollen einzelner Gruppen wird so ein gemeinsamer Erfahrungsschatz – über die eigene Bubble hinaus.

*Zentrale Referenzen: Helen Hester, "Promethean Labors and Domestic Realism" (2017); Michelle Murphy, Seizing the Means of Reproduction*

# /1 Patriarchaler Sexismus & der Verrat von Männlichkeit

Eine Caring City lebt von einer einfachen Einsicht: Wir alle brauchen einander. Niemand kommt allein durchs Leben. Wir alle waren mal Kinder. Wir alle werden mal alt. Wir alle sind irgendwann krank, müde, verzweifelt – und auf andere angewiesen.

Patriarchale Männlichkeit, wie sie unsere Gesellschaft prägt, läuft diesem Gedanken zuwider. Sie baut auf einer anderen Erzählung: Der "echte" Mann ist stark. Unabhängig. Souverän. Er braucht niemanden – aber alle brauchen ihn.

## // Wie männliche Souveränität funktioniert

Diese Souveränität ist eine Illusion. Sie funktioniert nur, weil eigene Verletzlichkeit und Fürsorgebedürftigkeit auf andere ausgelagert werden – meistens auf Frauen\*.

Männer beanspruchen ganz selbstverständlich, dass ihnen zugehört wird. Dass jemand sich um den Haushalt kümmert. Dass die Beziehung in Schuss bleibt. Dass die Kinder versorgt sind. Dass ihre Bedürfnisse erkannt werden, bevor sie sie aussprechen müssen. Was als "männliche Stärke" erscheint, beruht darauf, dass andere die unsichtbare Arbeit übernehmen.

## // Was "Männlichkeit verraten" heißt

Es geht nicht darum, einzelne Männer moralisch zu verurteilen. Patriarchale Männlichkeit ist kein persönliches Charakterproblem, sondern ein gesellschaftliches Muster, das sich tief in Körper, Gefühle und Gewohnheiten eingeschrieben hat. Genau deshalb lässt es sich auch nicht durch gute Absichten Einzelner überwinden, sondern nur durch kollektive Praxis.

Die Arbeit, die Männer dabei leisten müssen, ist also keine moralische Pflicht – sondern eine Voraussetzung dafür, dass Caring Cities überhaupt funktionieren können.

Gemeint ist damit nicht, sich "besser" zu verhalten oder netter aufzutreten. Gemeint ist die tief sitzende Angst vor eigener Verletzlichkeit anzugehen – jene Angst, die immer wieder den Drang erzeugt, sich durch die Abwertung anderer zu behaupten.

Für Cis-Männer – also Männer, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt – bedeutet das praktisch: die eigenen Unsicherheiten nicht länger auf Kosten anderer verdrängen. Räume nicht automatisch dominieren. Die emotionale Arbeit, die andere für sie leisten, nicht als Selbstverständlichkeit hinnehmen.

## // Was diese Arbeit braucht

Es braucht Orte, an denen Cis-Männer regelmäßig zusammenkommen und sich mit diesen Mustern auseinandersetzen.

Aber: Nicht als "Safe Space" für männliche Befindlichkeiten – also nicht als gemütlicher Raum, in dem Männer einander darin bestätigen, wie schwer es heute sei, ein Mann zu sein. Sondern als Orte, an denen die eigene Männlichkeit aktiv hinterfragt, gestört und untergraben wird.

Nur so kann das Versprechen von Caring Cities – solidarische Fürsorge für alle – Wirklichkeit werden.

*Zentrale Referenzen: Kim Posster, Männlichkeit verraten (2023); Jeja Klein, Wir leben immer noch in diesem Patriarchat (2019)*
