**Warum sollen wir füreinander sorgen?**

Die naheliegende Antwort lautet: Weil wir zusammengehören. Weil wir eine Gemeinschaft sind. Weil wir uns nahestehen. Das Konzept *Care without Community* schlägt eine andere Antwort vor: Wir sorgen füreinander, nicht weil wir derselben Gemeinschaft angehören. Sondern weil wir gemeinsame politische Ziele verfolgen. Solidarität entsteht durch geteilte Praxis. Nicht durch geteilte Identität.

## // Was an "Community" problematisch ist

Der Begriff *Community* klingt warm und unverfänglich. Aber Community hat mehrere Probleme:

**Sie tut so, als sei Zugehörigkeit selbstverständlich.** Man gehört dazu, ohne sich dazu entschieden zu haben. Durch Geburt. Durch Nachbarschaft. Durch ethnische oder kulturelle Zuschreibung.

**Sie schließt aus.** Jede Gemeinschaft definiert sich auch über das, was sie *nicht* ist. Wer drinnen ist, bestimmt, wer draußen bleibt.

**Sie reduziert Menschen auf Gruppenzugehörigkeit.** Einzelne verschwinden hinter dem Etikett ihrer Gruppe. Was sie individuell wollen, denken, brauchen, wird zweitrangig.

**Sie unterbindet Konflikte.** Wer in der Gemeinschaft Streit anfängt, gefährdet ihre Harmonie. Und wird oft selbst zum Problem erklärt.

Im heutigen Kapitalismus wird der Begriff *Community* überall verwendet. Nachbarschaftshilfe. Selbstorganisation. Ehrenamtliches Engagement. Das klingt fortschrittlich. Tatsächlich ist es oft nur die **Privatisierung sozialer Infrastruktur unter neuem Namen**. Was früher der Staat bereitstellte – Krankenhäuser, Schulen, Kitas, Pflegeheime – wandert an private Unternehmen. Oder an ehrenamtlich engagierte Bürger*innen. Beide Wege führen weg von einer öffentlichen Versorgung, die allen zusteht.

## // Wenn Gemeinschaft zum Selbstzweck wird

Das heißt nicht, dass Bindungen zwischen Menschen unwichtig wären. Im Gegenteil: Sie entstehen, wo Menschen gemeinsam politisch handeln.

Problematisch wird es erst, wenn die Gemeinschaft selbst zum Ziel wird. Wenn das Zugehörigkeitsgefühl wichtiger wird als die politische Forderung nach Versorgung für alle. Wenn das Wir der Gruppe sich gegen das Wir der Gesellschaft stellt.

Die Herausforderung ist: Die Bindungen, die entstehen, als Mittel zu verstehen. Nicht als Zweck.

## // Was das für Caring Cities bedeutet

Caring Cities von unten zu bauen bedeutet also nicht nur, wärmere Gemeinschaften zu schaffen. Es bedeutet, die Mittel der Reproduktion zu vergesellschaften. Also gemeinsam zu verfügen, was wir alle zum Leben brauchen.

Care wird so zu einer öffentlichen Infrastruktur. Sie steht allen zu. Unabhängig davon, ob jemand zur "richtigen" Nachbarschaft gehört. Ob jemand die "richtige" Sprache spricht. Oder den "richtigen" politischen Hintergrund hat.

Nicht die Gemeinschaft ist das Ziel. Sondern eine Versorgungsstruktur. Eine Versorgungsstruktur, die so selbstverständlich ist wie Straßenbeleuchtung. Sie ist da, bevor wir sie brauchen. Wir müssen uns nicht erst als würdig erweisen, um sie nutzen zu dürfen.

*Wichtiger Text: Mark Fisher, "Abandon hope (summer is coming)", in: K-Punk*

# /1 Xenopolitik: Das Fremde als Chance

Xenopolitik (von griechisch *xenos* = das Fremde) sieht im Unbekannten keine Bedrohung. Sondern eine Chance. Einen Ausgangspunkt für neue Formen der Solidarität und des Zusammenlebens. Wer die Art, wie wir füreinander sorgen, verändern will, muss dort beginnen, wo patriarchale Strukturen als "natürlich" erscheinen. Und genau diese vermeintliche Selbstverständlichkeit hinterfragen.

## // Das Selbstverständliche infrage stellen

Sätze wie "Frauen sind von Natur aus fürsorglicher" oder "Familie ist die natürliche Einheit der Sorge" klingen für viele plausibel. Und genau darin liegt das Problem. Eine xenofeministische Perspektive lädt dazu ein, sich vom Vertrauten zu befremden. Es neu zu betrachten:

- Was privat wirkt, ist politisch.
- Was natürlich wirkt, ist gestaltbar.
- Was alternativlos wirkt, kann gemeinsam neu verhandelt werden.

Care – also Fürsorge und Sorgearbeit – ist keine biologische Tatsache. Sie ist eine gesellschaftliche Praxis. Wir können sie aktiv formen.

## // Rationalität als feministisches Werkzeug

Lange galt Rationalität als "männlich". Kühl. Distanziert. Herrschaftlich. Xenofeminismus dreht diese Zuschreibung um: Gerade weil Rationalität historisch Männern zugeschrieben wurde, soll sie feministisch zurückerobert werden. Klares Denken und Analyse werden so zum Werkzeug. Sie befreien Care aus romantisierenden Mythen. Und machen es konkret gestaltbar.

## // Was das für die Caring City bedeutet

Die Caring City bricht mit der Idee einer "natürlich gewachsenen Gemeinschaft". Oder "authentischen Nähe". Stattdessen geht es darum, neue Beziehungsformen bewusst zu gestalten. Eine Art "technische Zärtlichkeit". Zugleich durchdacht konstruiert und im Alltag spürbar.

Das Fremde wird dabei zur produktiven Irritation. Es bricht Routinen auf. Es schafft Raum für andere Formen des Füreinander-Sorgens. Der sogenannte Gender-Abolitionismus des Xenofeminismus richtet sich besonders gegen die Vorstellung, dass Sorgearbeit "typisch weiblich" sei. An die Stelle von Biologie oder Tradition tritt die bewusste Entscheidung. Wie wir Sorgeverhältnisse gestalten wollen.

Das klingt im ersten Moment teilweise widersprüchlich zu dem, was an anderer Stelle über Zärtlichkeit, Wut und Hoffnung steht. Tatsächlich liegen hier zwei Stränge feministischer Theorie nah beieinander. Sie reiben sich. Der eine setzt auf bewusste Gestaltung und nüchterne Analyse. Der andere auf Affekt und Verbundenheit. Wir wollen beide Ansätze ernst nehmen. Und die Reibungen dazwischen produktiv werden lassen.

## // Care ohne vorausgesetzte Gemeinschaft

Hier verbinden sich zwei Ideen: *Care without Community* und *Xenopolitik* teilen eine zentrale Forderung. Fürsorge sollte nicht davon abhängen, ob jemand "dazugehört". Ob jemand uns ähnlich ist. Ob jemand etwas mit uns gemeinsam hat. Care funktioniert als offene Struktur. Verfügbar für alle. Jenseits der Vorstellung, dass nur eine eng gefasste Gemeinschaft füreinander einsteht.

*Wichtiger Text: Laboria Cuboniks, Xenofeminism: A Politics for Alienation*
