// Feministische Kritische Theorie
Wenn wir über Macht und Herrschaft sprechen, denken wir meist an Politik und Wirtschaft – an Regierungen, Konzerne, Gesetze. Macht und Herrschaft beeinflussen aber auch Dinge, die uns banaler und alltäglicher erscheinen: die Sprache, die wir sprechen; das, was als “schön” und als “vernünftig” gilt; die Art, wie wir lieben oder begehren.
Eine feministische Gesellschaftskritik fängt genau dort an, wo Herrschaft sich in selbstverständlichen, scheinbar natürlichen Formen versteckt – in Arbeit, in Beziehungen, in unserem Begehren. Dafür muss sie zwei Kritikrichtungen miteinander verbinden: die Kritik an geschlechtsspezifischer Unterdrückung und die Kritik an den zentralen Institutionen kapitalistischer Gesellschaften – also an Lohnarbeit, Privateigentum und Staat.
Anders gesagt: Sie braucht Werkzeuge aus zwei Traditionen – aus dem Feminismus und aus der Kritischen Theorie.
Zwei Traditionen, die einander brauchen
Die Kritische Theorie ist eine gesellschaftskritische Denktradition, oft auch “Frankfurter Schule” genannt. Sie hat scharfsinnig analysiert, wie kapitalistische Gesellschaften funktionieren – war aber lange “blind” auf einem Auge: Geschlecht hat sie weitgehend ausgeblendet, ihre Analysen waren oft am männlichen Subjekt orientiert.
Umgekehrt droht feministische Theorie an Schärfe zu verlieren, wenn sie sich nur noch um einzelne Identitäten dreht und die Frage aus dem Blick gerät, wie Gesellschaft als Ganzes funktioniert. Beides muss also zusammengedacht werden.
Drei Felder feministischer Gesellschaftskritik
Erstens: Lohn- und Sorgearbeit zusammen denken. Wer nur über Lohnarbeit spricht, übersieht, dass diese Arbeit ohne unbezahlte Care-Arbeit gar nicht möglich wäre. Kein Büroalltag ohne Menschen, die die Kinder versorgen; kein Politikbetrieb ohne Menschen, die die Hemden waschen; kein Fabrikbetrieb ohne Menschen, die sich um das Essen nach der Schicht kümmern.
In der klassischen Vorstellung von Arbeit gibt es ein Subjekt und ein Objekt: jemand, der etwas tut – und etwas, das bearbeitet wird. Eine Tischlerin bearbeitet ein Stück Holz. Eine Programmiererin bearbeitet Code. Sorgearbeit funktioniert nicht so. Wer ein Kind tröstet oder einen kranken Menschen pflegt, hat kein passives Objekt vor sich. Beide Seiten sind Subjekte; die Tätigkeit ist also intersubjektiv. Care ist eine Beziehung, keine Bearbeitung. Genau das macht die Abwertung von Sorgearbeit so erklärbar: Sie passt nicht in die Schablonen, mit denen wir “echte” Arbeit messen. Die strukturelle Unterbezahlung von Pflege, Erziehung und Hausarbeit ist also kein Zufall – sondern Ausdruck eines ungleichen Tauschverhältnisses zwischen Kapital und Sorgearbeit.
Zweitens: Geschlechternormen hinterfragen. Was heißt eigentlich “typisch weiblich” oder “typisch männlich”? Woher kommt die Vorstellung, dass Heterosexualität das Selbstverständliche ist und alles andere die Abweichung? Feministische Gesellschaftskritik sieht hinter solchen Geschlechterklischees die Durchsetzung und Rechtfertigung einer ungerechten Arbeitsteilung: Frauen* sollen sich um die Kindererziehung kümmern, weil ihnen Mitgefühl und Selbstlosigkeit angeblich angeboren seien; Männer sollen entscheidende Positionen in Politik und Öffentlichkeit besetzen, weil ihnen geistige und körperliche Kraft angeblich angeboren seien. Es sind genau diese Geschlechterbilder, die in der Gegenwart in der sogenannten Manosphere wieder rasant an Bedeutung gewinnen und auch für jüngere Generationen prägend werden.
So binär, dualistisch und undurchlässig wie ein Gesellschaftsbild, das streng zwischen privat und öffentlich unterscheidet, sind auch die entsprechenden Geschlechternormen: Wer sich – wie etwa homosexuelle, trans- und intergeschlechtliche Personen – nicht in die eindeutige Rollenzuschreibung von Mann und Frau fügt, fällt heraus, gilt als verdächtig und wird als Feind*in der bestehenden Ordnung wahrgenommen.
Drittens: Universalismus retten – ohne ihn zu missbrauchen. Allgemeine Werte wie Freiheit, Gleichheit oder Menschenwürde sind kostbar. Aber sie wurden historisch oft als Tarnung benutzt: Die europäische Kolonialgeschichte ist voll von brutaler “Aufklärung” und “Zivilisierung” angeblich wenig entwickelter Kulturen im Namen universeller Werte – während die kolonisierten Menschen genau diese Werte gerade nicht zugestanden bekamen. Eine feministische Kritik muss universelle Werte ernst nehmen, darf damit aber keinen gewaltvollen Zwang zur Anpassung an westliche Vorstellungen meinen. Stattdessen geht es darum, auf universellen Rechten aller Menschen zu beharren – auf der Sicherung der Grundbedürfnisse, auf einem guten Leben, auf der Abwesenheit körperlicher und psychischer Gewalt und Unterdrückung.
Dekonstruieren und neu entwerfen
Feministische Theorie steht vor einer doppelten Aufgabe. Sie muss alte Selbstverständlichkeiten in Frage stellen – etwa die Vorstellung, es gebe eine festgelegte “weibliche Natur”. Aber Kritik allein reicht nicht. Es braucht auch positive Entwürfe: Wie könnte ein Zusammenleben jenseits dieser Selbstverständlichkeiten aussehen?
Beides gehört zusammen: das Zerlegen und das Neubauen.
Zentrale Referenz: Karin Stögner, “Kritische Theorie und Feminismus”, in: Kritische Theorie und Feminismus (Hg. Stögner & Colligs)
// Kritik patriarchaler Ideologie
Die wirksamste Form von Macht ist die, die gar nicht als Macht erscheint – sondern als Natur. Wenn Frauen* unbezahlt den Haushalt führen, die Kinder versorgen und die Eltern pflegen, gilt das nicht als Arbeit. Es heißt: Sie tun das aus Liebe. Aus ihrer Weiblichkeit heraus. Weil Frauen* eben so sind.
Genau das ist das Kunststück patriarchaler Ideologie. Sie macht eine gesellschaftliche Tatsache – nämlich, dass eine ganze Hälfte der Bevölkerung systematisch unbezahlt Arbeit leistet, die das Wirtschaftssystem überhaupt erst trägt – zu etwas Natürlichem. Zu einem Liebesdienst. Zu etwas, das man nicht in Frage stellt.
Wie die Verschleierung funktioniert
Patriarchale Ideologie verdeckt ihre Wirkung auf zwei Wegen.
Sie verlegt die Verhältnisse in die Vergangenheit. Geschlechterrollen erscheinen als das Ergebnis einer langen Geschichte – als “so gewachsen”, wie es eben ist. Dass sie hergestellt und veränderbar sind, gerät aus dem Blick.
Sie weist Räume zu. Frauen* gehören in die private Sphäre, Männer in die Öffentlichkeit. Frau drinnen, Mann draußen. Als wäre das eine biologische Notwendigkeit – und nicht eine über Jahrhunderte erzwungene Trennung.
Hinzu kommt eine subtilere Ebene: Der Mann gilt unausgesprochen als der Mensch. Wenn von “dem Menschen” die Rede ist, ist meist der Mann gemeint. Ein Beispiel aus der Medizin: Klinische Studien wurden jahrzehntelang fast ausschließlich an Männern durchgeführt – die Ergebnisse galten dann als allgemein. Die Folge wirkt bis heute: Frauen* sterben z. B. häufiger an Herzinfarkten als Männer, weil sie seltener ernst genommen, später diagnostiziert und schlechter behandelt werden.
Die Erfahrungen und Leistungen von Frauen* werden systematisch ausgeblendet – und gesellschaftliche Phänomene wirken neutral, obwohl sie tief von männlicher Dominanz geprägt sind. Die Soziologie nennt das Androzentrismus: eine Weltsicht, die den Mann zum Maß aller Dinge macht.
Doppelt belastet, einzeln verantwortlich
Die Soziologin Regina Becker-Schmidt hat diese Lage in einem Begriff gefasst: doppelte Vergesellschaftung. Gemeint ist: Frauen* sollen heute beides leisten – Lohnarbeit und Sorgearbeit. Eine Karriere haben und die Familie zusammenhalten.
Das Problem: Beide Bereiche folgen unterschiedlichen Logiken. Der Job verlangt Verfügbarkeit, Effizienz, ständige Optimierung. Die Sorgearbeit braucht Zeit, Ruhe, Beziehung. Beides gleichzeitig zu schaffen, ist objektiv schwer – oft unmöglich.
Wenn es trotzdem nicht klappt, sucht die einzelne Frau* den Fehler bei sich. “Ich bin nicht organisiert genug. Ich kann das nicht. Andere schaffen es ja auch.” Was eigentlich ein strukturelles Problem ist – ein Widerspruch in der Anordnung der Gesellschaft – wird als persönliches Versagen erlebt.
Dazu kommt: Dass Frauen* historisch immer wieder in schlecht bezahlte, randständige Arbeiten verdrängt wurden, ist kein Naturgesetz. Es ist das Ergebnis konkreter politischer Kämpfe. Diese Geschichte ist im kollektiven Gedächtnis kaum präsent – und genau das macht es so leicht, die heutigen Verhältnisse wieder als “normal” zu empfinden.
Was es zur Überwindung braucht
Drei Ebenen müssen ineinandergreifen.
Erkennen. Was als natürlich gilt, als gesellschaftlich gemacht zu durchschauen. Dass “die Frau* kümmert sich” keine biologische Tatsache ist, sondern eine politische Anordnung.
Sich zusammentun. Allein lässt sich daran nichts ändern. Es braucht Bündnisse – auch über verschiedene Erfahrungen hinweg, mit Aufmerksamkeit dafür, dass Frauen* je nach Herkunft, Klasse, Hautfarbe, Sexualität unterschiedlich betroffen sind. Und es braucht eine grundsätzliche Aufwertung von Sorgearbeit.
Strukturen umbauen. Wer kontrolliert die Bereiche, die unser Leben tragen – Wohnen, Pflege, Gesundheit, Bildung? Wie viel Zeit müssen Menschen für Lohnarbeit aufwenden? Wer erzählt eigentlich, was ein gutes Leben ist? Es braucht andere Antworten – Antworten, die nicht Stärke und Unabhängigkeit ins Zentrum stellen, sondern das, was wir wirklich brauchen: Fürsorge, Verbundenheit, die Anerkennung, dass wir alle verletzlich sind.
Zentrale Referenz: Regina Becker-Schmidt, “Zur doppelten Vergesellschaftung von Frauen” (2010)
/1 Intersektionalität von Ideologien
Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Nationalismus sind Feindbildkonstruktionen, die selten allein auftreten. Sie greifen ineinander, verstärken sich gegenseitig und folgen auffallend ähnlichen Mustern.
Drei Muster lassen sich immer wieder beobachten:
Die Welt wird in zwei Lager geteilt. Es gibt “uns” – und “die anderen”. Diese schwarz-weiße Aufteilung lässt keine Zwischentöne zu. Wer dazugehört, ist sicher. Wer nicht, ist verdächtig.
Identität entsteht durch Abgrenzung. “Wir” sind, was “die anderen” nicht sind. Das eigene Selbstbild stabilisiert sich, indem es ein Gegenbild braucht.
Gesellschaftliche Probleme bekommen Gesichter. Wirtschaftskrisen, sozialer Wandel, Unsicherheit – statt diese Probleme strukturell zu erklären, werden sie auf einzelne Gruppen geschoben. “Die Juden sind schuld.” “Die Migrant*innen nehmen uns die Arbeit weg.” “Die Feministinnen zerstören die Familie.” In der Psychoanalyse heißt das Projektion: Eigene Ängste und Konflikte werden nach außen verlagert.
// Wie sich diese Ideologien gegenseitig befeuern
Antisemitische Bilder kommen oft sexualisiert daher – etwa als Stereotyp des “lüsternen jüdischen Mannes”. Rassistische Vorurteile sind geschlechterpolitisch aufgeladen – mal werden migrantische Männer als bedrohlich, hypersexuell dargestellt, mal werden migrantische Frauen* als “unterdrückt” und “rückständig” gezeichnet.
Geschlechterbilder spielen dabei eine besondere Rolle. Sie funktionieren wie Brücken zwischen verschiedenen Vorurteilen: Mal wird einer Feindgruppe eine bedrohliche, übersteigerte Sexualität zugeschrieben. Mal wird ihr genau das Gegenteil vorgeworfen – sie sei “unmännlich”, “verweichlicht” oder asexuell.
So lassen sich verschiedene Ressentiments miteinander koppeln, ohne dass es auffällt.
// Warum der Antisemitismus eine besondere Rolle spielt
In der Tradition der Kritischen Theorie nimmt der Antisemitismus eine besondere Stellung ein. Er ist nicht einfach eine Form von Rassismus unter anderen, sondern erfüllt eine spezielle Funktion: Er bietet Menschen eine vermeintliche Erklärung für komplexe gesellschaftliche Krisen.
Wirtschaftliche Veränderungen, Modernisierungsbrüche, das Gefühl von Kontrollverlust – all das wird im antisemitischen Weltbild auf “die Juden” projiziert. Statt Strukturen zu analysieren, werden Schuldige benannt. Das macht den Antisemitismus zu einer Art Scharnier, das andere Feindbilder mitorganisiert: Er rahmt sie, verbindet sie, gibt ihnen eine gemeinsame Grundstruktur.
// Was eine emanzipatorische Perspektive ausmacht
Wer gegen diese Ideologien arbeiten will, steht vor einer doppelten Aufgabe.
Einerseits braucht es eine klare Absage an neoliberale Versprechen, die Freiheit nur als individuelle Wahlfreiheit auf dem Markt verstehen. Andererseits darf der Widerstand gegen Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus nicht in einen Kulturrelativismus kippen, der Gewalt oder Unterdrückung verharmlost, solange sie “kulturell” begründet wird.
Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der Verschiedenheit Platz hat, ohne dass Menschen vereinzelt zurückbleiben. Eine Gesellschaft, in der nicht jede*r für sich kämpft – aber auch keine*r in einer Gruppe aufgehen muss, die vorschreibt, wer man zu sein hat.
Zentrale Referenz: Karin Stögner & Elke Rajal (Hg.), Intersektionalität neu verhandelt: Kritik von Ideologie und Identität, Herder (2025)